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Meldung vom: | Verfasser/in: Gender in Focus
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Physik gilt aus verschiedenen Gründen als ein eher unbeliebtes Schulfach, wobei insbesondere Mädchen eine deutlich größere Abneigung zeigen als Jungen. Aus diesem Befund wird oft der unbegründete Schluss gezogen, Schüler seien an diesem und weiteren MINT-Fächern grundsätzlich interessierter als Schülerinnen. Einem weitergehenden Vorurteil zufolge seien Jungen in diesen Disziplinen sogar begabter als Mädchen. Studien haben bereits in der Vergangenheit gezeigt, dass dieses geschlechtsbezogene Stereotyp nicht zutreffend ist. Denn Schülerinnen interessieren sich durchaus für physikalische Phänomene und können in Leistungstests, die anders als im konventionellen Schulkontext gestaltet sind, ebenso gute Ergebnisse erreichen wie ihre männlichen Schulkameraden. Allerdings wurde bislang noch nicht systematisch untersucht, ob die Umsetzung bekannter Interventionen, mit denen Mädchen konkret dabei unterstützt werden können, ein Interesse am Fach Physik zu entwickeln und bestmögliche Leistungen zu erzielen, in kurzfristigen Interventionen wie einem Schülerlaborbesuch eine Wirkung entfaltet.
Dieser Forschungslücke widmet sich seit einem Jahr ein Projekt in der Arbeitsgruppe Fachdidaktik der Physik und Astronomie unter der Leitung von Prof. Holger Cartarius. Im Rahmen einer Förderung durch das BMFTR-Projekt "Gender in Focus" erproben Cartarius und sein studentischer Assistent Simon Becher im Schülerlabor der Physikalisch-Astronomischen Fakultät, wie sich der Einsatz verschiedener didaktischer Ansätze für einen gendergerechten Physikunterricht auswirkt. Die ersten Ergebnisse dieser Forschung wurden nun auf dem Symposium "Gender in MINT reflektiert lehren und forschen: Ansätze, Strategien, Vernetzung" am 20. Februar 2026 an der Humboldt-Universität in Berlin vorgestellt und mit Kolleginnen und Kollegen aus ganz Deutschland diskutiert.
Experiment im Schülerlabor Physik (Symbolbild)
Foto: Anne Günther (Universität Jena)Das Physik-Schülerlabor an der Universität Jena wird von Schülerinnen und Schüler aller Altersklassen und Schulformen besucht. Dort bietet ihnen ein großes Team um die Leiterin des Schülerlabors, Dr. Silvana Fischer, spezifische Workshops an, die auf den bisherigen Erkenntnissen der Forschung zu Interessen, Motivationen und Partizipationsmöglichkeiten im Schulunterricht basieren. In diesen Workshops werden zum einen fachphysikalische Inhalte probeweise in einen schülernahen Alltagskontext versetzt, wie z.B. in einer Veranstaltung zur Thermodynamik, die speziell den Klimawandel thematisiert. Zum anderen kommt eine Methode zur Anwendung, bei der Physik in Verbindung mit anderen fachlichen Zusammenhängen präsentiert wird, etwa in einem Workshop zur Radioaktivität, der dieses Thema auch von einem biologisch-medizinischen Standpunkt aus betrachtet.
Am Ende jeder Veranstaltung im Schülerlabor befragen die Fachdidaktiker die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler nach ihrem generellen Interesse an Physik sowie nach dem speziellen Interesse an dem jeweils durchgeführten Versuch, um die Einflüsse der Themenwahl in Abhängigkeit vom Geschlecht zu messen. Nach bislang rund 350 Schüler:innenbefragungen konnte festgestellt werden, dass die Themenwahl und die Einbettung von physikalischen Fachthemen in andere Fächer einen positiven Einfluss auf das Interesse hat. Besonders hebt sich dabei die Steigerung des Interesses bei jungen Mädchen hervor. Zudem bitten die Forschenden die Schülerinnen und Schüler, selbstständig eigene kleine Arbeitsgruppen zu gründen. Dabei stellten sie fest, dass 93% der Befragten eine Gruppe mit einem Partner ihres eigenen Geschlechts bilden, wobei sich zeigt, dass das Geschlecht des Gruppenpartners entgegen der vorhergehenden Erwartungen keinen Einfluss auf die Intensität der Mitarbeit hat.
Auf dem Symposium in Berlin stieß die Präsentation dieser ersten Forschungsergebnisse im Jenaer Schülerlabor auf ein reges Interesse bei Initiativen und Forschungsprojekten an anderen Hochschulen, die ähnliche Angebote für Schülerinnen und Schüler im MINT-Bereich entwickeln. Durch das sehr vielfältige Publikum gab es zudem zahlreiche Möglichkeiten, neue Kontakte zu knüpfen. Es zeigte sich auch, wie wichtig die Vernetzung dieser Vorhaben untereinander ist. Denn bei ähnlich gelagerten Forschungsinteressen haben sich bisher inselartig Forschungsgruppen gebildet, die in Zukunft noch stärker gegenseitig von ihren Erkenntnissen profitieren können. Das Symposium war somit ein guter Ausgangspunkt für den weiteren Austausch und mögliche Kooperationen in diesem Forschungsbereich.
Holger Cartarius, Univ.-Prof. Dr.
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