50 Jahre Friaul-Erdbeben: Wie sich die Katastrophe in Italien auf die DDR auswirkte

Am Abend des 6. Mai 1976 wurde der Nordosten Italiens von einem schweren Erdbeben erschüttert. Hunderte Menschen starben, tausende Gebäude wurden zerstört. Auch in weiten Teilen der damaligen DDR waren die Erschütterungen zu spüren und veranlassten maßgebliche Veränderungen der Erdbebenüberwachung.

Makroseismische Karte des Friaul-Erdbebens 1976. Bild: ASMI / INGV / https://doi.org/10.13127/asmi

Screenshot: Jens Skapski
Makroseismische Karte des Friaul-Erdbebens 1976. Bild: ASMI / INGV / https://doi.org/10.13127/asmi

Eine Katastrophe am Südrand der Alpen

Am Abend des 6. Mai 1976 wurde der Nordosten Italiens von einem der schwersten Erdbeben Europas seit dem 2. Weltkrieg erschüttert. Um 21:00 Uhr Ortszeit ereignete sich in der Region Friaul, nördlich von Udine, ein starkes Erdbeben mit einer Magnitude von etwa 6,5. Besonders betroffen waren Orte wie Gemona del Friuli, Venzone, Osoppo und Buia. Viele Gebäude stürzten ein, historische Ortskerne wurden schwer beschädigt oder nahezu vollständig zerstört. Nach Angaben des italienischen Zivilschutzes kamen durch die Erdbebenserie insgesamt 965 Menschen ums Leben. Mehrere tausend Menschen wurden verletzt, viele verloren ihr Zuhause.

Auch in der damaligen DDR blieb das Friaul-Erdbeben nicht unbemerkt. Die seismischen Wellen erreichten Mitteldeutschland wenige Minuten nach dem Bruchvorgang in Norditalien und wurden unter anderem an der seismologischen Station Moxa bei Jena deutlich registriert. Zudem gingen aus mehreren Regionen Wahrnehmungsberichte ein; selbst in Berlin bemerkten Menschen schwankende Gegenstände oder ungewöhnliche Bewegungen in Gebäuden. Für die Seismologie in Jena und Moxa wurde das Ereignis zu einem besonderen Moment: Es zeigte eindrücklich, wie weit die Wirkungen starker europäischer Erdbeben reichen können und wie wichtig eine verlässliche seismologische Überwachung auch fernab der eigentlichen Schadensgebiete ist. Denn auch in unserer Region wollten die Menschen wissen: Was war passiert?

Die Adria drückt gegen die Alpen

Das Epizentralgebiet lag in einer tektonisch aktiven Zone am Südrand der Alpen. Dort wirkt bis heute die langsame Annäherung der Adriatischen Mikroplatte an den Alpenraum. Diese Bewegung verläuft für Menschen unmerklich langsam, über geologische Zeiträume baut sie jedoch Spannungen in der Erdkruste auf. Wenn diese Spannungen die Festigkeit des Gesteins überschreiten, können sie sich in Erdbeben entladen.

Das Friaul-Erdbeben von 1976 war Teil einer längeren seismischen Sequenz. Dem Hauptbeben gingen kleinere Vorbeben voraus, danach folgten zahlreiche Nachbeben. Besonders schwer wog, dass im September 1976 weitere starke Erdbeben auftraten, darunter ein Ereignis der Magnitude 5,9, das in der bereits schwer getroffenen Region erneut erhebliche Schäden verursachte. 

Die stärksten Erschütterungen erreichten im Epizentralgebiet sehr hohe Intensitäten. Nach späteren makroseismischen Auswertungen wurden lokal Intensitäten im Bereich IX bis X auf der Europäischen Makroseismischen SkalaExterner Link erreicht. Solche Intensitäten bedeuten schwere bis sehr schwere Gebäudeschäden, Einstürze und eine massive Beeinträchtigung der betroffenen Siedlungen. Das Ereignis zählt damit zu den bedeutendsten Erdbeben Norditaliens in der jüngeren Vergangenheit.

Das Erdbeben von 1976 war dabei weder das einzige noch das stärkste bekannte Erdbeben in dieser Region. Der Nordosten Italiens und der angrenzende Alpenraum wurden auch in früheren Jahrhunderten immer wieder von schweren Erdbeben getroffen. Besonders verheerend war das Villach-Erdbeben vom 25. Januar 1348, dessen Epizentralgebiet im Grenzraum zwischen Kärnten und Friaul angenommen wird. Weitere katastrophale Erdbeben gab es unter anderem in den Jahren 1511 und 1873.

Ein Erdbeben, das halb Europa erreichte

Bemerkenswert war nicht nur die Zerstörung im Epizentralgebiet, sondern auch die außergewöhnlich große Reichweite der Wahrnehmungen. Die Erschütterungen wurden unter anderem in Österreich, Slowenien, Deutschland, Belgien, den Niederlanden und bis in den Ostseeraum wahrgenommen. Aus insgesamt 14 europäischen Ländern gab es Wahrnehmungsmeldungen. Zu Schäden kam es nicht nur am Epizentrum in Italien, sondern auch in Teilen von Österreich sowie der heutigen Länder Slowenien, Kroatien und Tschechien.

Vor allem in der ehemaligen DDR gab es ausführliche Befragungen der Bevölkerung, um die Wirkung des Erdbebens wissenschaftlich zu erfassen. Dadurch lässt sich rekonstruieren, dass die Erschütterungen in der Südhälfte des Landes verbreitet als leichtes Schwanken wahrgenommen wurden. Vereinzelte Wahrnehmungen gab es bis zur Ostsee. Stärker waren die Erschütterungen im Süden der BRD. In Bayern, vor allem an den Alpen und im Raum München, war das Erdbeben stark spürbar. Eine flächendeckende makroseismische Befragung wie in der DDR wurde jedoch erschwert. Dazu trug unter anderem ein Streik der Druckindustrie im Mai 1976 bei, durch den zur Zeit des Erdbebens und in den folgenden Tagen nur wenige Zeitungen erschienen und Aufrufe sowie Fragebogenaktionen schlechter verbreitet werden konnten.

Für die Menschen in Mitteldeutschland war das Beben schwach, aber vielerorts bemerkbar. Typische Beobachtungen bei solchen Fernwirkungen sind leichtes Schwanken, klirrende Gläser, pendelnde Lampen oder ein kurzes, ungewohntes Bewegen des Gebäudes. Schäden sind bei solchen Intensitäten nicht zu erwarten. Zur verbreiteten Wahrnehmung trug auch die Zeit des Bebens am späten Abend bei, als viele Menschen vor dem Fernseher saßen und dadurch das Schwanken von Möbeln und Lampen schnell auffiel. Dennoch bleibt ein solches Erlebnis vielen Menschen im Gedächtnis, gerade weil ein Erdbeben in Mitteleuropa außerhalb der bekannten Erdbebengebiete für die meisten nicht zum Alltag gehört.

Wahrnehmungen in Thüringen

Eine spätere Neubewertung der makroseismischen Daten für Mittel- und Nordostdeutschland zeigt, dass die Zone mit Intensität 3 unter anderem Halle, Leipzig, Erfurt und das Thüringer Becken umfasste. Intensität 3 entspricht einer schwachen, aber von einigen Menschen in Gebäuden spürbaren Erschütterung. Im Raum Zittau wurde sogar Intensität 4 erreicht.

Damit gehört das Friaul-Erdbeben zu jenen entfernten Starkbeben, die auch in Thüringen makroseismisch eine Rolle spielten. Für die regionale Seismologie sind solche Beobachtungen wertvoll. Sie zeigen, dass die Wirkung eines Erdbebens nicht abrupt an politischen oder geographischen Grenzen endet. Selbst ein Ereignis in Norditalien kann in Mitteldeutschland noch messbar und ab bestimmter Stärke und unter günstigen Bedingungen auch spürbar sein.

An der seismologischen Station Moxa im Thüringer Schiefergebirge wurde das Ereignis ebenfalls instrumentell registriert. Besonders interessant ist, dass dem Hauptbeben kurz zuvor ein Vorbeben vorausging. In der damaligen Auswertung konnte dies zunächst zu Unsicherheiten führen, weil die seismischen Phasen des Vorbebens und des Hauptbebens leicht miteinander verwechselt werden konnten. Solche Details zeigen, wie anspruchsvoll die Erdbebenauswertung in einer Zeit war, in der Daten nicht in Echtzeit digital vernetzt waren. 

Seismologie vor 50 Jahren: Langsame Daten, umständliche Auswertung

Aus heutiger Sicht ist kaum vorstellbar, wie grundlegend anders die Erdbebenbeobachtung 1976 organisiert war. Heute werden seismische Daten vieler Stationen kontinuierlich digital übertragen. Automatische Systeme erkennen Erdbeben innerhalb weniger Minuten, berechnen Ort, Tiefe und Magnitude und stellen erste Informationen nahezu in Echtzeit bereit. Gleichzeitig können makroseismische Wahrnehmungen über Online-Fragebögen schnell gesammelt und ausgewertet werden.

1976 war die Situation eine andere. Viele Stationen arbeiteten analog. Registrierungen wurden auf Papier oder Film aufgezeichnet, Daten mussten manuell ausgewertet, verglichen und weitergegeben werden. Internationale Informationen trafen langsamer ein, und die Einordnung eines großen entfernten Bebens konnte deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen. Gerade deshalb war das Friaul-Erdbeben auch für seismologische Dienste in Mitteleuropa ein wichtiges Ereignis: Es zeigte, wie notwendig verlässliche Stationsnetze, koordinierte Auswertungen und ein schneller Informationsaustausch sind. 

In Potsdam trug das Ereignis nach späteren Darstellungen dazu bei, die instrumentelle seismologische Überwachung wieder stärker zu etablieren und einen permanenten seismologischen Dienst aufzubauen.  Damit hatte die Katastrophe von Friaul auch eine indirekte Bedeutung für die Weiterentwicklung der Erdbebenbeobachtung in Deutschland.

Wie unmittelbar ein starkes Fernbeben im analogen Stationsbetrieb der 1970er Jahre wahrgenommen wurde, zeigen die Schilderungen von Dr. Thomas Burghardt, der am Abend des 6. Mai 1976 an der seismologischen Station Moxa Dienst hatte.

Noch bevor genau bekannt war, wo sich das Erdbeben ereignet hatte, machten sich die starken Bodenbewegungen an den Registriergeräten bemerkbar. Die aufgebockten Schreibfedern begannen heftig zu kratzen. Burghardt eilte zum Schreiber neben dem Fernschreiber, senkte die metallenen Tintenfedern auf das Papier und schaltete die Registrierung ein. Die Ausschläge waren groß, die aufgezeichneten Seismogramme schienen nicht enden zu wollen.

Seismogramm des Friaul-Erdbebens 1976, aufgezeichnet in Moxa

Foto: Matthias Meininger

Die Geburtsstunde der zentralen Erdbebenüberwachung in der DDR

Damals wurden die elektrischen Signale der Seismometer nicht digital gespeichert, sondern über Galvanometer sowohl auf Fotofilm als auch auf mechanische Schreiber übertragen. Das eigentliche Stationsgebäude lag etwa 100 Meter entfernt im Wald; die Seismometer befanden sich in einem Stollen. Gemeinsam mit dem Stationstechniker Dietrich machte sich Burghardt auf den Weg, um die Fotofilme der kurz- und langperiodischen Seismometer zu wechseln. Jede Trommel war einer Komponente eines Seismometers zugeordnet. Die Filme mussten entnommen, neue Filme aufgelegt und die belichteten Aufzeichnungen entwickelt werden — ein Vorgang, der etwa eine halbe bis dreiviertel Stunde dauerte. 

Während die Filmaufzeichnungen entwickelt wurden, suchten die beiden nach ersten Informationen zur Ursache der ungewöhnlich starken Registrierung. In der Station gab es Zeitzeichenempfänger, mit denen normalerweise die Pendeluhren auf Zehntelsekunden genau geeicht wurden. Über diese Empfänger ließen sich jedoch auch Radiosender empfangen. So erfuhren die Mitarbeiter noch vor der vollständigen Auswertung der eigenen Aufzeichnungen von einem schweren Erdbeben in Norditalien — gemeldet von einem Sender der BRD.

Etwa eine Stunde nach dem Beben gingen Anrufe aus dem Institut in Jena ein. Die Filme sollten gewechselt und für eine Auswertung vorbereitet werden. Wenig später trafen der Jenaer Auswerter, der Institutsleiter und ein Sicherheitsbeamter in Moxa ein. Die Identifikation des Bebens war aufgrund des Vorbebens zunächst nicht ganz einfach.

Rückblickend zeigt dies nicht nur, wie arbeitsintensiv die seismologische Auswertung vor 50 Jahren war. Er macht auch deutlich, welche Bedeutung das Friaul-Erdbeben für die Entwicklung der Erdbebenüberwachung in der DDR hatte. Zu diesem Zeitpunkt war in Moxa noch nicht bekannt, dass das Beben auch in der Hauptstadt der DDR deutlich gespürt worden war und dass das Zentralinstitut in Potsdam bereits Anfragen von höherer Stelle beantworten musste. In der Folge wurde in der DDR ein Erdbebendienst eingerichtet. Seismologisch relevante Ereignisse mussten fortan von den Außenstellen Moxa, Collmberg und Berggießhübel rund um die Uhr nach Potsdam gemeldet werden; zugleich erhielt die seismologische Überwachung zusätzliche materielle und personelle Unterstützung.

Ein Maßstab für heutige Erdbebenaufzeichnungen in Thüringen

Aus heutiger Sicht die Schilderungen von damals fast wie ein Blick in eine andere Welt der Seismologie: mechanische Schreiber, Fotofilme, Fixierbad, Zeitzeichenempfänger und telefonische Rückfragen statt digitaler Echtzeitdaten, minutenschneller Lokalisierungen und direkter öffentlicher Information. Doch die grundlegende Aufgabe ist dieselbe geblieben. Ein seismisches Signal muss erkannt, richtig eingeordnet und verständlich kommuniziert werden. Gerade bei Erdbeben, die Menschen erschrecken oder über große Entfernungen wahrgenommen werden, ist eine verlässliche fachliche Einordnung entscheidend. In Zeiten grenzenloser digitaler Vernetzung umso mehr.

Der 50. Jahrestag des Friaul-Erdbebens erinnert deshalb an eine Katastrophe, die in Norditalien tiefe Spuren hinterlassen hat und auch in Deutschland maßgebliche Veränderungen brachte. Zugleich zeigt er, wie eng europäische Erdbebenbeobachtung miteinander verbunden ist. Ein Bruchvorgang am Südrand der Alpen wurde wenige Minuten später in Thüringen registriert, in Berlin gespürt und schließlich zu einem Anlass, die seismologische Überwachung in der DDR neu zu organisieren. Für das heutige Thüringer Seismologische Netz ist dieser Rückblick damit auch ein Stück eigener Geschichte: Er macht deutlich, warum kontinuierliche Messungen und sorgfältige Auswertungen bis heute wichtig sind. Nicht nur dort, wo Schäden entstehen, sondern überall dort, wo Erdbeben ihre Spuren hinterlassen.

Information


Zeit:
6. Mai 1976, 21:00 Uhr Ortszeit
Epizentralgebiet: Friaul, Nordostitalien, nördlich von Udine
Magnitude: etwa 6,5; starke Vor- und Nachbeben über viele Monate
Maximale Intensität: IX bis X im Epizentralgebiet
Auswirkungen: 965 Todesopfer in der gesamten Erdbebenserie; tausende zerstörte Gebäude; spürbar in 14 europäischen Ländern

Weiterführende Informationen:
Grünthal, G.
"The 6 May 1976 Friuli earthquake revisited: macroseismic intensities in Central and north-eastern Germany." Bollettino di Geofisica Teorica ed Applicata 59.4 (2018).
Tertulliani, A., et al. "The 6 May 1976 Friuli earthquake: re-evaluating and consolidating transnational macroseismic data." Bollettino di geofisica teorica ed applicata 59.4 (2018).

Datenbank makroseismischer Beobachtungen:
https://emidius.mi.ingv.it/ASMI/event/19760506_2000_000Externer Link