Wird man sich nach Corona wieder anders die Hand geben?

Kehrt der Handschlag wieder zurück?

Interdisziplinäres Team erforscht den Wandel sozialer Verhaltensweisen in Folge der Corona-Pandemie
Wird man sich nach Corona wieder anders die Hand geben?
Foto: Jens Meyer (Universität Jena)
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Meldung vom: 11. Oktober 2021, 11:39 Uhr | Verfasser/in: Stephan Laudien | Zur Original-Meldung

Was haben Wahlumfragen und der Wetterbericht gemeinsam? Beide versu­chen einen Blick in die Zukunft und beide stützen sich dabei auf solide wissenschaftliche Methoden. Dennoch liegen Wahlergebnisse und das tatsächliche Wetter nicht selten weit entfernt von den Prognosen. Das antike Orakel von Delphi umschiffte diese Klippe einst auf elegante Weise: Die Orakelsprüche waren oft mehrdeutig und ließen so klare Aussagen aus, verblieben also im Vagen. Ein Team der Friedrich-Schiller-Universität Jena verbindet nun auf wissenschaftlicher Basis erstellte Zukunftsprognosen mit dem Versuch herauszufinden, wel­che dieser Prognosen am wahrscheinlichsten eintreffen werden. Nicht zufällig spielen dabei sogenannte Delphi-Befragungen eine entscheidende Rolle.

Antworten mit sehr großer Bandbreite und kontroversen Ansichten 

Wir möchten herausfinden, wie sich die sozialen Beziehungen der Menschen im Lockdown verändert haben und welche langfristigen Folgen sich daraus ergeben“, sagt der Sozialgeo­graf Prof. Dr. Simon Runkel von der Friedrich-Schiller-Universität. Wir, das sind federführend vier Wissenschaftler vom Schumpeter-Zentrum zur Erforschung des sozialen und ökonomi­schen Wandels. Neben Simon Runkel gehören der Wirtschaftsgeograf Prof. Dr. Sebastian Henn dazu, der Religionspädagoge Prof. Dr. Michael Wermke und Prof. Dr. Stefan Stroh­schneider, Psychologe im Bereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation der Universität Jena. Die Forschergruppe hat zu fünf Themenfeldern Fragen entwickelt und an ausgewie­se­ne Expertinnen und Experten aus den Geistes- und Sozialwissenschaften im deutschsprachi­gen Raum verschickt.

Die Antworten zeigen eine große Bandbreite und lassen teilweise sehr kontroverse Ansich­ten erkennen“, sagt Michael Wermke. Inhaltlich geht es um Themen wie Körper und Körper­lichkeit, Übergangsriten oder soziale Nähe- und Distanzverhältnisse. „Wir fragten etwa da­nach, was es für die Körperlichkeit bedeutet, wenn physical distancing geboten ist, wenn es keinen Handschlag und keine Umarmung mehr geben soll“, sagt Simon Runkel. Daran an­schließend ging es um die Frage, ob solche traditionellen Formen des täglichen Miteinanders nur für die Dauer der Pandemie ausgesetzt werden oder ob sich das menschliche Verhalten dauerhaft verändert. Beobachtet werden zudem ein Rückzug ins Private und ein einhergehen­der Bedeutungsverlust des öffentlichen Raumes. Dieser öffentliche Raum verlagere sich da­für mehr und mehr ins Digitale, so Sebastian Henn. Zugleich konstatierten die Experten neue Formen der Mündlichkeit, wobei nicht klar sei, so fragt sich Stefan Strohschneider, ob diese nicht als neue Formen von Geschwätzigkeit zu interpretieren sind. Nicht einig sind sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zudem bei der Frage, ob die Pandemie solche Ent­wicklungen auslöst oder lediglich bereits vorhandene Tendenzen verstärkt.

Konkrete Handlungsempfehlungen für Politik und Gesellschaft

Es ist nicht nur wissenschaftliche Neugier, die die Forscher vom Schumpeter-Zentrum an­treibt. Ihre Erkenntnisse sollen in einem Paper münden, das Handlungsempfehlungen für die Politik und Akteure der Zivilgesellschaft in Thüringen gibt. Deshalb ist für den 15. Oktober ein Workshop geplant, bei dem Wissenschaft auf Praxis trifft. Die Ergebnisse aus den Delphi-Be­fragungen sollen mit den Erfahrungen von Praktikern verglichen werden. Die Wissenschaft hat sich deshalb Mitarbeiter von Altenheimen, Sozialpädagoginnen und Mitarbeiterinnen von Beratungsstellen eingeladen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Aus den Orakeln sollen im Dialog handfeste Empfehlungen werden. So könnte es gelingen, der Zukunft die günstigs­ten Prognosen abzuringen und bei Fehlentwicklungen gegenzusteuern.

Kontakt:

Juniorprofessur für Sozialgeographie
Simon Runkel, Juniorprof. Dr.
Simon Runkel
Telefon
+49 3641 9-48848
Sprechzeiten:
Mittwoch 11-12 Uhr in Raum 230 und nach Vereinbarung
Raum 229
Löbdergraben 32
07743 Jena
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