Blick entlang der Šoštanj-Verwerfung zum Velenje-Becken

Die tektonische Geschichte der Ostalpen entschlüsseln

Studie der Arbeitsgruppe Strukturgeologie der Universität Jena zur Datierung von Starkbeben in den Alpen wurde gleich zweifach gewürdigt
Blick entlang der Šoštanj-Verwerfung zum Velenje-Becken
Foto: Christoph Grützner
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  • Geowissenschaften

Meldung vom: | Verfasser/in: Claudia Hilbert

In Regionen wie den Ostalpen sind heutige Erdbeben selten, die tektonischen Deformationsraten sind gering und geologische Anzeichen für Seismizität sind nur schwach ausgeprägt oder sie fehlen ganz. Doch wie lassen sich vergangene Verwerfungsbewegungen nachweisen, um mehr über die Entstehung der Alpen und ihre innere Struktur zu erfahren?

Mit dieser Frage hat sich ein Team der Arbeitsgruppe Strukturgeologie der Universität Jena gemeinsam mit dem LIAG-Institut für Angewandte Geophysik Hannover beschäftigt – und hat eine Antwort gefunden: Die Forschenden haben zwei Datierungsmethoden miteinander kombiniert und konnten so zeigen, dass große Störungssysteme in den Ostalpen im Pleistozän seismisch aktiv waren.

"Editor's Highlight" und eigener Beitrag in den GMIT

Im August 2025 haben die Forschenden im Fachjournal Tectonics ein Paper über ihre Studie veröffentlicht, welches zudem im internationalen Eos-Magazin der American Geophysical Union (AGU) als "Editor’s Highlight" ausgezeichnet wurde. Nur etwa zwei Prozent aller in AGU-Zeitschriften publizierten Artikel werden hierfür ausgewählt. Nun ist auch in der aktuellen Ausgabe der "GMIT – Geowissenschaftliche Mitteilungen" ein Artikel über die Forschungsarbeit erschienen – eine besondere Würdigung der Forschungsarbeit des Teams aus Jena und Hannover. Die GMIT werden von mehreren geowissenschaftlichen Fachverbänden herausgegeben und spielen insbesondere in der deutschsprachigen Fachwelt eine wichtige Rolle.

Die Forschenden haben die beiden Datierungsmethoden Optisch Stimulierte Lumineszenz (OSL) und Elektronenspinresonanz (ESR) miteinander kombiniert, um herauszufinden, an welchen Teilen des Periadriatischen Störungssystems, der Lavanttal-Störung und der Šoštanj-Störung im Quartär starke Erdbeben auftraten. Die drei Störungssysteme sind große tektonische Störungszonen im Alpen-Dinariden-Raum, die eine wichtige Rolle bei der alpinen Gebirgsbildung und der heutigen Seismizität spielen.

Die Forschenden konnten zeigen, dass der südliche Abschnitt der Lavanttal-Störung der am wenigsten aktive Abschnitt ist. Die Šoštanj-Störung war hingegen in den letzten paar hunderttausend Jahren von starken Beben betroffen, möglicherweise erst vor 30.000 Jahren. Die Ergebnisse helfen, ein vollständigeres Bild über die tektonische Geschichte der Alpen zu gewinnen – entscheidend für die Abschätzung des aktuellen seismischen Risikos in der Region.

Eos ist ein wissenschaftliches Nachrichten- und Hintergrundmagazin der AGU – American Geophysical Union, einer der weltweit wichtigsten Fachgesellschaften für Geo- und Raumwissenschaften. Es erscheint online und ist eine international anerkannte Informations- und Diskussionsplattform, die Wissenschaft einordnend und verständlich für Forschende, Studierende und wissenschaftlich Interessierte vermittelt.

Die GMIT - Geowissenschaftliche Mitteilungen
ist das gemeinsame Nachrichtenheft des Berufsverbandes Deutscher Geowissenschaftler (BDG), der Deutschen Geologischen Gesellschaft – Geologische Vereinigung (DGGV), der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft (DGG), der Deutschen Mineralogischen Gesellschaft (DMG), der Deutschen Quartärvereinigung (DEUQUA), der Deutschen Ton- und Tonmineralgruppe (DTTG), der Paläontologischen Gesellschaft (PalGes) und des Oberrheinischen Geologischen Vereins (OGV).

Mehr Informationen:

Originalveröffentlichung: 
Prince, E., Tsukamoto, S., Grützner, C., Bülhoff, M. & Ustaszewski, K. (2025): Deciphering Pleistocene fault activity in the Eastern Alps: Dating fault gouges with electron spin resonance and optically stimulated luminescence. Tectonics, 44, e2024TC008662, https://doi.org/10.1029/2024TC008662Externer Link

GMIT-Artikel
„AGU bestimmt deutsche Veröffentlichung zur Datierung von Starkbeben in den Alpen zum Editor’s Highlight“, GMIT – Geowissenschaftliche Mitteilungen 102, 2025, S. 22-23, Link zum GMIT-ArtikelExterner Link

Artikel im Eos-Magazin
„Trapped Charge Techniques Pinpoint Past Fault Slip", 18. August 2025, Link zum Eos-ArtikelExterner Link

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