Künstliche Intelligenz für klimaresilientes Infrastrukturmonitoring
Inhalt
-
1. Hintergrund und Projektgebiet
Die Methodik der Persistent Scatterer Interferometry (PSI) hat sich als äußerst sinnvolle und leistungsfähige Technik für das Infrastrukturmonitoring etabliert. Durch den Einsatz von PSI können Bewegungen und Deformationen von Großinfrastrukturen, insbesondere Stauanlagen, präzise und regelmäßig erfasst werden. In Kombination mit dem Einsatz sogenannter elektronische Corner-Reflektoren (ECRs) bietet die PSI-Technik eine effektive Lösung, um die Sichtbarkeit der Infrastrukturen im Radarbild zu erhöhen und somit ein regelmäßiges Monitoring dieser zu erreichen. Der kombinierte Einsatz verschiedener Satellitensensoren mit anschließender Segmentierung der Talsperren in individuelle Abschnitte ermöglicht eine lokale und sinnvolle Verdichtung der Bewegungsinformation. Durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) können die Treiber der Bewegungen identifiziert und Vorhersagen des zukünftigen Bewegungsverhaltens der Bauwerke erstellt werden. Diese fortschrittlichen Ansätze eröffnen neue Möglichkeiten für eine effektive Überwachung, Risikobewertung und Schutzmaßnahmen, um die Widerstandsfähigkeit unserer Infrastrukturen gegenüber Umwelteinflüssen zu stärken.
Das Forschungsprojekt wurde in Zusammenarbeit mit dem RuhrverbandExterner Link durchgeführt, der mit seinen Anlagen die Wasserversorgung von 4,6 Millionen Menschen im Einzugsgebiet der Ruhr gewährleistet. Von den acht vom Ruhrverband betriebenen Talsperren in Nordrhein-Westfalen wurden im Rahmen von KI4KI sechs für diverse Forschungsarbeiten ausgewählt. Um sicherzustellen, dass die ausgewählten Anlagen auch im Radarbild sichtbar sind, wurden ECRs auf den Mauern und Dämmen der Möhne-, Sorpe-, Verse-, Bigge- und Listertalsperre angebracht. Zusätzlich wurden auch Ennepe- und Glörtalsperre untersucht, jedoch nicht mit ECRs ausgestattet. Die satellitenbasierte Deformationsanalyse wurde anhand von begleitenden, engmaschig durchgeführten In-Situ-Messungen durch den Ruhrverband auf Plausibilität geprüft.
-
2. Projektorganisation und -dissemination
KI4KI-Nutzerworkshop Jena
Foto: Jonas ZiemerKI4KI wurde als Verbundprojekt zwischen der FSU Jena und dem Ruhrverband durchgeführt. Die Projektleitung unterlag dem Lehrstuhl für Fernerkundung (FSU-EO) unter der Leitung von Prof. Dr. Christiane Schmullius. Weiterhin beteiligt war die Computer Vision Group (FSU-CVG)Externer Link von der Fakultät für Mathematik und Informatik, die insbesondere zur Methodenentwicklung beigetragen hat. Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Ruhrverband als Projektpartner konnten erste Forschungsergebnisse bereits nach der Hälfte der insgesamt gut 3,5 Jahre dauernden Projektzeit (04/22-12/25) publiziert werden. Dies ist auch den mit KI4KI assoziierten Partnern zu verdanken.
Die Projektergebnisse wurden auf zahlreichen Tagungen und Konferenzen vorgestellt. Dies förderte insbesondere den Austausch mit Talsperrenbetreibern und anderen Forschungsinstitutionen. Überdies wurden insgesamt drei Nutzerworkshops zum Thema "Infrastrukturmonitoring mit Satellitenfernerkundung" durchgeführt. In dedizierten Sessions konnten sich Teilnehmende aus Forschung, Wirtschaft und Behörden zu den neuesten Entwicklungen zum Thema austauschen. Die Tagungen fanden in Jena statt und sollen im Rahmen des RESTIM-Symposiums (REmote Sensing for Transport Infrastructure Monitoring) fortgesetzt werden. Weitere Infos zum Symposium finden Sie in Kürze auf den Seiten der Bundesanstalt für Straßenverkehrswesen (BASt)Externer Link, der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG)Externer Link, sowie dem Deutschen Zentrum für Schienenverkehrsforschung (DZSF)Externer Link.
-
3. Forschungsschwerpunkte
- Eignungsanalyse verschiedener Talsperren für eine satellitenbasierte Beobachtungsstrategie
- Multi-Sensor-Kombination verschiedener Satelliten zur raum-zeitlichen Verdichtung von Radarzeitreihen
- Vorhersage von Deformationen an Talsperren durch datengetriebene Ansätze
- Entwicklung einer auf elektronischen Corner-Reflektoren (ECR) basierten Überwachung von Deformationen an Talsperren
- Entwicklung einer Schnittstelle zur Visualisierung der Ergebnisse für Talsperrenbetreiber
-
4. Team
- Clémence Dubois (Dr.-Ing.)
- Jannik Jänichen
- Jonas Ziemer (Dr.)
-
5. Publikationen
Wissenschaftliche Artikel:
- Satellitenüberwachung der Bewegungen der MöhnestaumauerExterner Link
- Enhancing the Prediction of Dam Deformations: A Novel Data-Driven ApproachExterner Link
- Assessing the Feasibility of Persistent Scatterer Data for Operational Dam Monitoring in Germany: A Case StudyExterner Link
- Towards Operational Dam Monitoring with PS-InSAR and Electronic Corner ReflectorsExterner Link
- Identifying Deformation Drivers in Dam Segments Using Combined X-and C-Band PS Time SeriesExterner Link
- Evaluating the German Ground Motion Service for Operational Dam Monitoring: A Comparison of InSAR Data with In Situ MeasurementsExterner Link
- Novel Amplitude-based Approach for Reducing Sidelobes in Persistent Scatterer Interferometry Processing using Spatially Variant ApodizationExterner Link
- An Integrated Monitoring Concept for Dam Infrastructure: Operational PSI Service and Application of Electronic Corner Reflectors (ECR)Externer Link
Konferenzbeiträge:
- KI4KI: Neues Projekt zur regelmäßigen Überwachung von Stauanlagen aus dem AllExterner Link
- Überwachung der Möhnestaumauer durch satellitengestützte Persistent Scatterer InterferometrieExterner Link
- Vergleich von Bodenbewegungen mit In-situ Messungen zur Überwachung von Deformationen an Staubauwerken in ThüringenExterner Link
- SNAP2StaMPS v2: Increasing Features and Supported Sensors in the Open Source SNAP2StaMPS Processing SchemeExterner Link
- Sensor fusion for detecting movement patterns of gravity dams in Germany using SAR interferometryExterner Link
- Enhancing Dam Monitoring: Utilizing the CR-Index for Electronic Corner Reflector (ECR) Site Selection and PSI AnalysisExterner Link
- Data-Driven Prediction of Large Infrastructure Movements Through Persistent Scatterer Time Series ModelingExterner Link
- Dam Monitoring With Ground Motion Services–A Case Study of a Gravity Dam with the German Ground Motion ServiceExterner Link
- First Assessment of Electronic Corner Reflectors for Dam Monitoring in GermanyExterner Link
- Optimizing Dam Monitoring: Validation and Optimization of the CR-Index for PS-InSAR and Electronic Corner Reflector (ECR) IntegrationExterner Link
Buchbeiträge:
- KI in Geodäsie und Geoinformatik: Künstliche Intelligenz in der Fernerkundung für klimaresilientes Infrastrukturmonitoring
-
6. Abschlussarbeiten und Promotionen
Bachelorarbeiten (B.Sc.)
- Spieß, L. (2024). Entwicklung und Implementierung eines automatisierten Workflows für die Integration von InSAR-Produkten in einen Online-Dienst
Masterarbeiten (M.Sc.)
- Stumpf, N. (2025). Dam Monitoring – Optimization of Sidelobe Suppression in Radar Images during StaMPS Persistent Scatterer Interferometry Processing.
Promotionen (Dr. rer. nat.)
- Ziemer, J. (2026). Advancing Dam Monitoring: Integrating MT-InSAR and In Situ Data for the Analysis and Prediction of Dam DeformationsExterner Link
- Jänichen, J. (tbd): Operationalization of Interferometric SAR Data for Dam Infrastructure Monitoring
Die Forschungsschwerpunkte im Detail
-
1. Eignungsanalyse verschiedener Talsperren für eine satellitenbasierte Beobachtungsstrategie
Im ersten Teil des Projekts wurde die Eignung verschiedener Talsperrentypen (z.B. Staumauern und Staudämme) für eine satellitenbasierte Beobachtungsstrategie bewertet. Die Methodik zielte auf die Entwicklung zweier Indizes, mit denen...:
- die generelle Sichtbarkeit von Talsperren im Radarbild anhand von Datenverfügbarkeit, Topografie und Landbedeckung beurteilt werden kann und
- Deformationen in der Sichtlinie des Sensors (LOS, engl. Line-of-sight) in Deformationen in radialer Richtung zur Bauwerkskrone umgewandelt und interpretiert werden können.
Zu diesem Zweck wurden frei verfügbare MT-InSAR-Datensätze des Bodenbewegungsdienstes Deutschland (BBD)Externer Link verwendet.
Ascending LOS-Sensitivität (%) gegenüber radialen Verformungen in Abhängigkeit der radialen Ausrichtung der Staumauerkrone (°). Die LOS-Sensitivität wird als Anteil an der tatsächlichen radialen Verformung (mm) ausgedrückt. Orthofoto: GDI-NRW (2024), EPSG: 25832.
Foto: Jonas Ziemer -
2. Multi-Sensor-Kombination verschiedener Satelliten zur raum-zeitlichen Verdichtung von Radarzeitreihen
Segmentierung einer Staumauer nach Abschnitten unterschiedlichen Bewegungsverhaltens. Die PS-Punkte der Segmente sind in verschiedenen Farben dargestellt und zu einem mittleren Deformationsprofil über die Zeit zusammengefasst.
Foto: Jonas ZiemerIn einem nächsten Schritt wurden die Daten zweier verschiedener Radarsensoren mit unterschiedlichen Wellenlängen, TerraSAR-X (X-Band) und Sentinel-1 (C-Band) kombiniert, um eine räumlich und zeitlich verdichtete Zeitserie zu generieren. Dafür wurde ein neue Schnittstelle namens TSX2StaMPSExterner Link entwickelt, die es ermöglicht, hochauflösende TerraSAR-X-Daten mit der Open-Source-Software SNAP der ESA vorzuprozessieren. TSX2StaMPS ist als aktualisierte Version bereits in snap2stampsExterner Link integriert und wurde 2023 auf der Fringe-Konferenz der ESA in Leeds vorgestellt.
Die untersuchten Talsperren wurde in verschiedene Segmente unterteilt und deren Bewegungsverhalten anhand der kombinierten TSX/S1-Zeitreihe analysiert. Durch die Kombination beider Sensoren zu einer mittleren Zeitserie pro Segment wurde es möglich zu beobachten, wie sich das Deformationsprofil je nach Lage der einzelnen Segmente unterscheidet. Des Weiteren konnten anhand von In-Situ-Daten die Treiber der Deformationen festgestellt werden.
-
3. Vorhersage von Deformationen an Talsperren durch datengetriebene Ansätze
Da für Talsperrenbetreiber nicht nur die Analyse vergangener Deformationen, sondern insbesondere die Vorhersage zukünftiger Bewegungen an ihren Stauanlagen von Relevanz ist, befasste sich die FSU-EO zusammen mit der FSU-CVG-Gruppe auch mit der Deformationsvorhersage mit Hilfe datengetriebener Ansätze. Ziel war es, die Vorhersagegenauigkeit bisher genutzter Modelle zu verbessern. Zum Einsatz kamen verschiedenste Algorithmen, wie Zeitserien-Vorhersage-Modelle, Ensemble-Methoden, sowie Deep-Learning-Ansätze. Durch die Implementierung der Algorithmen in bestehende Abläufe, konnte die Vorhersagegenauigkeit sowohl für die PSI-Daten, als auch für In-Situ-Messungen merklich erhöht werden.
Links: Lotanlage (orange) und PS-Punkte (blau) an der Möhnestaumauer. Die Deformationsvorhersage (in mm) wurde für das Jahr 2020 durch eine umfassende Modellsuche ermittelt. Rechts: Türkisfarbene Punkte kennzeichnen die Trainingsdaten, graue Punkte stellen die von der Lotanlage aufgenommenen Testdaten dar (Ruhrverband, 2021). Die farbigen Linien zeigen die prognostizierte Deformation des Modells mit der besten Leistung pro Suchraum. Orthophoto: GDI-NRW (2024), EPSG: 25832.
Foto: Jonas Ziemer -
4. Entwicklung einer auf elektronischen Corner-Reflektoren (ECR) basierten Überwachung von Deformationen an Talsperren
Elektronischer Corner-Reflektor (ECR) mit Solarpanel für die Stromversorgung. Hier installiert auf der Krone des Biggedamms.
Foto: Jonas ZiemerNicht alle Talsperren weisen geeignete Ausgangsvoraussetzungen für eine satellitenbasierte Beobachtungsstrategie auf. So können ungünstige topografische Bedingungen oder vegetationsbedeckte Oberflächen die Detektion von PS-Punkten an Staubauwerken beeinflussen. Um diese Anlagen dennoch beobachten zu können, wurden im Rahmen des Projekts sechs elektronische Corner-Reflektoren (ECR) an fünf Talsperren des Ruhrverbands installiert. Über einen Beobachtungszeitraum von mehr als 2,5 Jahren lieferten die ECRs stabile Radarsignale und ermöglichten millimetergenaue Deformationszeitreihen. Die Ergebnisse wurden erfolgreich mit In-Situ-Messungen des Ruhrverbands verglichen und bestätigen die grundsätzliche Eignung von ECRs für den Betrieb an Talsperren.
-
5. Entwicklung einer Schnittstelle zur Visualisierung der Ergebnisse für Talsperrenbetreiber
Um die wissenschaftlichen Ergebnisse der Forschung in die operative Praxis zu überführen, wurde eine webbasierte Plattform entwickelt, die speziell auf die Bedürfnisse von Talsperrenbetreibern ausgerichtet ist. Die Anwendung bündelt ECR-gestützte Satellitenmessdaten, die unter Punkt 1) angewendeten Indizes, sowie die In-Situ-Messdaten des Betreibers in einer gemeinsamen, interaktiven Oberfläche. Zeitreihenvisualisierungen, der direkte Vergleich mehrerer Messpunkte sowie Datenexporte im Format des Ruhrverbands unterstützen die nahtlose Einbindung der Ergebnisse in bestehende Sicherheitsüberwachungsprogramme. Die Datenhoheit verbleibt vollständig beim jeweiligen Betreiber; automatisierte Skripte übernehmen die Aufbereitung neuer Datensätze und gewährleisten eine reproduzierbare Verarbeitung. Das System ist so konzipiert, dass es auf weitere Infrastrukturbetreiber und Bauwerksklassen übertragen werden kann.
Webdienst zur Visualisierung der Deformationen an den Talsperren. Der Dienst kann durch den modularen Aufbau an die individuellen Wünsche jedes Talsperrenbetreibers angepasst werden.
Foto: Jannik Jänichen
Weiterführende Informationen und Details zu den Projektergebnissen finden Sie auch auf GitHubExterner Link und auf der Projektseite des RuhrverbandsExterner Link.
Kontakt
Annett Habenstein
- Telefon
- +49 3641 9-48881
- Fax
- +49 3641 9-48882
- Link zum Herunterladen der vCard
- vCard
- weiterführender Link
- Zur Webseite
Montag bis Freitag
09:00 bis 13:00 Uhr